PROSA
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aus dem Erzählband: Frankfurter Allee - Panamericana

Bei uns zu Hause oder Rita

Ich heiße Rita, bin 35 Jahre alt und wohne in Berlin-Prenzlauer Berg. Es gefällt mir gut. Meine Wohngruppe ist nett. Wir haben einen Stundenplan. Die Schwester Ruth mag ich ganz besonders. Sie ist lieb. Sie macht mit uns Basteln, Gesellschaftsspiele und die Schreibgruppe. Manchmal gehen wir in den Mauerpark. Dort sitzen Vögel. Krähen, Tauben. Ich mag die Vögel. Sie können hinfliegen, wo sie wollen. Mütter spielen dort mit ihren Kindern. Manche sitzen nur auf der Parkbank und starren vor sich hin.
Ich esse gerne Eis. Vanille und Zitrone. Letztens ist mir davon auf mein T-Shirt getropft, da hat Schwester Ruth geschimpft. Die anderen Frauen in der Wohngruppe sind auch nett. Bis auf Hilde, die hat mich neulich geschlagen, in der Küche. Das hat weh getan. Ich mag gerne Fernsehen schauen. Serien mag ich besonders. Da habe ich meine Lieblingsserie, die kommt jeden Tag um 6 Uhr. Wir sollen aber immer früh schlafen gehen, so gegen 9 Uhr, weil dann die Nachtschicht kommt. Ich mag das nicht, weil ich dann immer noch ganz lange wach liege, bis ich schlafen kann. Auf meinem Wecker lese ich manchmal 1 Uhr nachts. Ich versuche dann schonmal zu träumen, wenn ich noch wach bin. Aber das geht nicht immer.
Um 7 Uhr werden wir geweckt, aber ich bin schon immer eine Viertelstunde eher wach um 6.45 Uhr, weil ich es nicht mag, geweckt zu werden von Leuten.
Dann machen wir zusammen Frühstück, ich mag Kaffee und Brötchen mit Marmelade. Die geht immer eine von uns holen, beim Bäcker Kamps um die Ecke, jeden Morgen 8 Stück, für jede zwei. Ich habe neulich der Hilde mein zweites Brötchen abgegeben. Trotzdem hat sie mich wieder geschlagen. Ich glaube, ich hasse die Hilde. Ich weiß aber nicht, ob man so etwas schreiben darf. Schwester Ruth liest immer unsere Texte und meine findet sie besonders gut, zumindest sagt sie das. Sie hat gesagt, ich soll mehr schreiben und vielleicht will sie sogar eines Tages ein Buch mit allen unseren Texten machen. Das finde ich toll.
Ich will gerne allen erzählen, wie es bei uns zu Hause ist. Es ist nämlich sehr schön bei uns. Es ist viel besser als früher. Auch wenn ich hier früh schlafen gehen muss.
Aber ich darf immer auf die Einkaufsliste eine Sache schreiben, die ich gerne haben möchte. Das finde ich toll.
Die anderen Frauen heißen Maja, Sabine, Hilde und ich.
Sabine ist machmal ganz traurig, dann weint sie stundenlang. Ich weiß gar nicht warum.
Vielleicht weiß sie es selber nicht. Maja lässt immer alles mögliche fallen, aber die Schwestern haben aufgehört deswegen zu schimpfen. So ist sie eben, sagen sie. Mich mögen sie auch gerne. Ich esse gerne Blumenkohl. Heute haben wir Aprikosen und Erdbeeren da. In meinem Zimmer hängen Poster mit Bildern vom Meer drauf. Schwester Ruth hat gesagt, dass ich auch einmal hinfahren kann ans Meer, irgendwann, wenn ich selbständiger geworden bin, dann wollen sie mich bei einer Gruppe mitfahren lassen. Ich soll mich aber anstrengen, dass ich nicht mehr ins Bett mache, das wäre nicht gut bei der Gruppenreise, sagt Schwester Ruth. Aber ich kann doch nichts dafür. Ich träume manchmal, wie ich auf der Toilette sitze und dann lasse ich laufen. Die Frau, die früh kommt, schüttelt immer nur den Kopf und zieht ein neues Laken auf. Aber ich kann wirklich nichts dafür.
Morgen ist Waschtag. Ich habe meine Wäsche schon zweimal alleine gewaschen. Einmal ist alles rosa geworden, da haben es wieder die anderen für mich gemacht.
Es ist schön bei uns. Wir haben Sonne und Bäume vor dem Fenster und immer genügend zu essen.

© Silke Galla


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