PROSA


Die kleine Ameise
(Auszug)

von Silke Galla

Es war einmal eine kleine Ameise, die wollte nicht fleißig sein wie die anderen Ameisen. Sie wollte durch Rapsfelder krabbeln, am Rand einer Wiese sitzen und zu den Kühen hinauf schauen oder sich wohlig in der Sonne räkeln und ihren Panzer putzen.
Gar nicht leiden konnte sie das ewige Tragen und Sammeln von Sachen, tagein tagaus von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, wie es die anderen Ameisen ganz selbstverständlich machten und wie sie es von ihren Eltern und Geschwistern gelernt hatte.
Die kleine Ameise krabbelte so oft sich die Gelegenheit bot davon in Richtung Rapsfeld, das so wunderbar duftete. Und wenn die anderen Ameisen ihr nachriefen, hey, wo wo willst du hin, erzählte sie, sie hätte eine besondere Quelle mit Vorräten für den Winter entdeckt. Doch langsam gingen ihr die Ausreden aus. Und so kam es, dass sie eines Tages vor den großen Ameisenältestenrat zitiert wurde. Da saß die kleine Ameise ganz kleinlaut und der Ameisenälteste eröffnete die Sitzung mit den Worten: Nr. 1147, uns ist zu Ohren gekommen, dass du am normalen Ameisenarbeitsleben nicht ausreichend teilnimmst, zahlreiche Fehl- und Abwesenheitsstunden, Selbstvergessenheit während der Arbeitszeit und mangelndes Engagement lauten einige der Kritikpunkte. Wir möchten dir nun zunächst Gelegenheit geben, dich dazu zu äußern.
Nun, begann die kleine Ameise mit leiser Stimme. Ich also ich ... ich möchte ... also (und die kleine Ameise wurde ganz rot dabei). Ich möchte eigentlich etwas anderes machen.
Etwas anderes? Der Älteste der Ameisen runzelte seine ohnehin schon runzelige Stirn.
Was meinst du damit etwas anderes?
Also … (jetzt wurde die Stimme der kleinen Ameise lauter) jedenfalls nicht Nahrungskette bilden und Polle für Polle zum Ameisenhufen schleppen.
Ach so, aber das machen wir alle unser Leben lang. Was willst du stattdessen machen?
Ich also ... die kleine Ameise senkte erst den Kopf, um dann den Ältesten direkt mit funkelnden Augen anzuschauen:
Ich möchte Späher werden!
Späher, was soll das denn sein? Das gibt es bei uns nicht.
Ein Späher würde Ausschau halten nach neuen Nahrungsquellen nach besseren Standorten für den Bau, nach Bedrohungen. Es ist sehr nützlich einen Späher zu haben, erläuterte die kleine Ameise ihr Vorhaben.
Aha, der Älteste rieb sich das Kinn mit seinem Fühler und schaute nach rechts und links zu dem Zweit- und Drittältesten. Die blickten noch skeptischer drein, weil sie aber müde waren und Kaffeepause machen wollten, willigten sie schließlich ein, die kleine Ameise probeweise für vier Wochen als Späher zu beschäftigen. Die kleine Ameise freute sich riesig und lief begeistert zum Bau und erzählte ihren Eltern und Bekannten vom Entscheid des Ältestenrats. Die Mutter der kleinen Ameise sagte: Späher, um Himmels willen, das ist doch gefährlich und du weißt doch, dass du einen schlechten Orientierungssinn hast. Der Onkel sagte: Na ja, nach vier Wochen ist sowieso Schluss damit und wieder Schleppen angesagt. Die kleine Ameise fing an, sich ein bisschen schlecht zu fühlen.

Sie lief zu ihrem besten Freund und erzählte ihm alles. Er war ein paar Jahre älter und hatte vor längerer Zeit durchgesetzt halbtags zu arbeiten, um am Nachmittag Klavier zu spielen und Stunden zu geben. Er spielte ganz toll Klavier, besonders Mozart und Chopin. Das schaffst du schon, wenn sie sehen, dass deine Arbeit gut und nützlich ist, werden sie dich machen lassen, sagte er zu seinem jungen Freund, der ganz aufgeregt an einer Teetasse nippte.
Das munterte die kleine Ameise wieder etwas auf und als sie am Abend im Bett lag, träumte sie bereits von Rapsfeldern und Froschteichen. (...)

© Silke Galla


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